Martin-Luther-Kirche Moordorf

Evangelisch sein - was bedeutet das?

Darauf geht unsere große Sorge: Wenn jemand einen Gulden oder zwei, ja kaum einen Groschen im Fenster oder in der Stube liegen gelassen hat, da sorgt und fürchtet er sich, dass ihm das Geld gestohlen wurde; aber aufs Evangelium könnte er ein ganzes Jahr verzichten. Und solche Gesellen wollen doch für evangelisch gehalten werden.

Diese Sätze stammen aus einer Predigt Martin Luthers von 1526. Deutlich formuliert vor der allgemeinen Verbreitung der Banken. Diese Sätze zeigen, was die Menschen wirklich bewegte - damals kaum anders als heute. Aber sie sagen auch, was evangelisch sein heißt: sich vom Evangelium faszinieren zu lassen und es zur Grundlage des Lebens werden zu lassen. Die Änderungen, für die Martin Luther und andere Reformatoren einstanden, hatten vor allem dies Ziel: die befreiende Kraft des Evangeliums, der froh machenden Nachricht, wie sie in der Bibel bezeugt ist, unverstellt wieder ans Licht zu bringen.

 

Frei sein durch Glauben

Historisch gesehen ist die evangelische Kirche aus Kirchenkritik entstanden, die sich Anfang des 16. Jahrhunderts Bahn brach und in der Gründung eigener Kirchen mündete. Evangelisch sein heißt im Grundsatz frei sein durch den Glauben - zunächst frei von Bevormundung, dann aber auch frei zum Dienst in der Welt. In den Jahrhunderten vor der Reformation hatte es immer wieder Ansätze dazu gegeben, die jedoch unterdrückt wurden (zum Beispiel bei Johannes Hus). Nach evangelischer Auffassung soll sich keine vermittelnde Instanz zwischen Gott und Mensch drängen, keine Institution, keine kirchliche Tradition, keine Glaubensleistung.

Die Entstehung der evangelischen Kirche lutherischer Prägung geht auf Martin Luther zurück. Doch war die Reformation eine Gemeinschaftsleistung vieler Männer und Frauen.

 

Die Heilige Schrift als Maßstab

Gegenüber einer Kirche, die auf Tradition und Gehorsam gegenüber menschlichen Autoritäten pochte, war zuallerst wichtig, dass der Mensch selbst die Bibel liest, versteht und als Maßstab nimmt - sola scriptura, allein die Schrift wurde der neue Maßstab.

 

Der Glaube macht den Christen

Aus Glauben heraus sind Menschen in die Verantwortung für sich, ihre Mitmenschen und die ganze Welt gerufen. Der Glaube bringt die Menschen in das rechte Verhältnis zu Gott, nicht die formale Zugehörigkeit zu einer Kirche oder der Gehorsam gegenüber Papst und Bischöfen. Dies wurde ein weiterer Grundsatz der sich bildenden evangelisch-lutherischen Kirche: sola fide, allein der Glaube macht den Christen, kann die gestörte Beziehung des Menschen zu Gott, den großen Graben überbrücken.

Es geht darum - wie Martin Luther es formulierte - Gott einen ehrlichen Mann sein zu lassen, ihn also zu akzeptieren wie er ist, ihm das abzunehmen, was er durch Jesu Christus den Menschen als Botschaft zugewendet hat. Du musst dich nicht krampfhaft darum bemühen, immer mehr anzuhäufen, dich abzusichern, denn alles was du brauchst, schenkt dir Gott. Weder vor Gott noch vor uns selbst oder anderen brauchen wir uns durch Leistung zu beweisen - auch unsere Fehler können uns nicht von Gott trennen.

 

Verbindung zu Gott über Jesus Christus

Das Kreuz ist das zentrale Symbol der Christen. Es steht für eine Person und eine einzigartige Verbindung zu Gott, in die Menschen einsteigen können, wenn sie sich auf ihn einlassen. Die Verbindung zu Gott läuft über Jesus Christus allein - solus christus war denn auch ein weiterer Zentralsatz aus der Reformationszeit. Das war zugleich gegen einen überbordenden Heiligen- und Reliquienkult gewendet, der außerdem über die Maßen kommerzialisiert war (Ablasshandel).

Die Heiligen, die auch die Evangelischen in ihrem Glaubensbekenntnis bekennen, sind diejenigen, die im rechten Verhältnis zu Gott stehen und zwar nicht weil sie durch herausragende Taten und Worte Heiligkeit verdienten oder ein moralisch einwandfreies Leben führten (was immer das sein mag). Sie sind Heilige, weil sie sich ganz und gar Gott anvertrauen. Vertrauen führt zur Akzeptanz durch Gott. Es geht um eine vertrauensvolle Beziehung auf Gegenseitigkeit. Mit dem klassischen theologischen Ausdruck nennt man es: Rechtfertigung.

 

Angenommen aus Gnade

Das ist nichts mit dem man eine Rechnung aufmachen könnte nach dem Motto: Ich tue dies und dafür akzeptiert mich Gott, sondern diese Akzeptanz durch Gott ist ein Geschenk. So lautete denn eine vierte Einsicht: sola gratia. Allein aus Gnade nimmt Gott mich an - und zwar so wie ich bin. Christen sind frei davon, sich selbst rechtfertigen und behaupten zu müssen in einer Gesellschaft, in der die vorzeigbare Leistung an oberster Stelle steht. Das macht frei, zu vergeben und barmherzig zu sein - mit mir selbst und mit anderen.

 

Christsein: Gemeinschaft mit Menschen und mit Gott

Kirche entsteht da, wo Menschen sich versammeln, um sich das sagen zu lassen, was sie sich selber nicht sagen können. Festgehalten und dokumentiert in der Bibel, wirksam in den Herzen und Seelen der Glaubenden und ihrer Glaubensgemeinschaft und die zum Engagement miteinander und füreinander und für andere führt.

Aus Freiheit leben, führt zum gemeinsamen Handeln und dass man sich der Verantwortung für sein Leben und das anderer stellt. Es hilft auch Vielfalt zu bejahen.

Christsein ist immer Existenz in einer Gemeinschaft mit anderen und mit Gott. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der alles zur Ware wird und der Mobilitäts-, Rentabilitäts- und Effektivitätsdruck sowie die Ausrichtung des ganzen Lebens am Profit die Menschen in die Vereinzelung und oft auch in die Verzweiflung treibt.

Christsein heißt immer, noch eine andere Perspektive zu haben: Perspektive Ewigkeit und das ist kein Zeitbegriff, sondern ein Qualitätsbegriff. Damit kann man hoffnungsvoll in die Zukunft gehen.

 

Evangelisch werden - wie geht das?

Mitglied können Sie in einem unserer beiden Pfarrämter werden - entweder durch die Taufe, falls Sie noch nicht Christin oder Christ sind, oder durch die Wiederaufnahme in die Kirche, falls Sie ausgetreten sind.